Carl, einer meiner Freunde aus der Sprachschule, hatte sich für eine etwas andere Methode entschieden, in Japan zu wohnen, als selbst eine Wohnung oder ein Zimmer in einem Sharehouse anzumieten: einen Aufenthalt bei einer Gastfamilie. Auch wenn Gastfamilie hier nicht ganz zutreffend ist, da „Familie“ sich in diesem Fall nur auf eine einzelne Dame gesetzten Alters bezieht.
Bei einer unserer Unterhaltungen erzählte er mir davon, dass er jeden Abend mit tollen Gerichten bekocht werden würde. Als ich ihm sagte, wie beneidenswert ich das finde, lud er mich sofort ein, einen Abend bei ihm und seiner Gastgeberin vorbeizukommen und mitzuessen. Eine Einladung, die ich mit großer Freude annahm.
Am entsprechenden Tag wurde mir klar, dass es vermutlich unhöflich wäre, meinerseits kein Mitbringsel dabeizuhaben. Besonders in Japan existiert eine starke Kultur rund um Omiyage (Mitbringsel). Sofern man bspw. eine Reise unternimmt, ist es nicht nur üblich, Omiyage für Familienmitglieder oder Freunde mitzubringen; sogar am Arbeitsplatz wird unter Umständen erwartet, etwas für die Kollegen ins Büro zu legen. Bei einer Einladung in ein fremdes Haus wäre es daher geradezu fahrlässig gewesen, nichts mitzubringen. Ich entschied mich also dafür, die einzige Schokolade zu opfern, die ich für Notfälle aus Deutschland mitgebracht hatte, und sie Carls Gastgeberin als Omiyage mitzubringen.
Die freundliche Dame, bei der Carl untergekommen war, wohnte auf dem „Port Island“ von Kobe in einem 24-stöckigen Haus. Die Wohnung war gemütlich eingerichtet und voll mit Erinnerungsfotos von anderen Gästen sowie selbstgemachten Papierpuppen und anderen Ziergegenständen. Später sollte ich herausfinden, dass die alte Dame in jüngeren Jahren die Puppen selber machte und für eine Puppe ungefähr drei Monate benötigte. Seit ihr Mann gestorben war, hostete sie regelmäßig für kürzere oder längere Aufenthalte Gäste aus dem Ausland.
Kurz nach meiner Ankunft wurde das Essen aufgetischt. Ein tolles Assortiment verschiedener Speisen, darunter neben dem obligatorischen Reis auch Sashimi, Fleisch mit Teriyaki-Marinade und Nudeln mit Shrimps. Mit leerem Magen sollte hier jedenfalls niemand herausgehen, abgesehen davon, dass es unfassbar lecker gewesen ist. Während des Essens unterhielten wir uns auf Japanisch miteinander und ich erfuhr einiges über das Leben der interessanten Dame und über die Geschichte von Port Island. Nach dem Essen gingen wir auf die oberste Etage des Hauses, um einen atemberaubenden Nachtblick auf die Stadt zu erhalten.
